Produkt und Varianten Insight 11 von 13 · Mandat

Produktportfolio im MaschinenbauHunderte Varianten.Keine davon war je eine Entscheidung.

Neue Kundenanforderungen wurden erfüllt, indem ein bestehendes Produkt kopiert und angepasst wurde. Das sah lange nach Kundenorientierung aus. Nach einigen Jahren standen Hunderte Varianten im System, verknüpft über IF-Bedingungen, die noch zwei Leute vollständig überblickten. Das Problem war nicht die Zahl der Produkte. Es war, dass keine Produktlogik mehr dahinterstand.

Das Wichtigste in Kürze
  • Kopieren ist die schnellste Antwort auf eine Anfrage und die teuerste auf Dauer
  • Nicht die Menge der Varianten ist das Problem, sondern die fehlende Regel dahinter
  • Die Analyse muss wirtschaftlich sein, nicht nur technisch: Marge vor Umsatz
  • Standardisierung nimmt keine Auswahl weg. Sie ändert, woraus die Auswahl entsteht

Insight 11 von 13, Reihe E, Mandate. Der Fall ist anonymisiert. Die beiden Ergebniszahlen in Abschnitt 06 sind dokumentiert, die Zahlen im Bild sind ein Rechenbeispiel und als solches gekennzeichnet.

01 · Wie es entsteht

Jede einzelne Entscheidung war richtig.

Ein Kunde will eine Abweichung. Das nächstliegende Produkt wird kopiert und angepasst. Das geht schnell, es hält den Termin, und der Kunde bekommt genau, was er wollte. Diese Entscheidung ist für sich genommen jedes Mal richtig.

Falsch wird sie erst in der Summe. Nach einigen Jahren stehen Hunderte Varianten in den Systemen, viele davon unterscheiden sich nur geringfügig — behandelt werden sie trotzdem als eigenständige Produkte. Zusätzlich wurden sie im Konfigurator über IF-Bedingungen miteinander verknüpft. Wer eine davon ändern will, muss wissen, was noch daran hängt.

Genau das wusste zuletzt niemand mehr vollständig. Zwei Leute im Haus konnten die Logik überblicken. Alle anderen mussten fragen.

02 · Das eigentliche Problem

Nicht die Zahl der Produkte. Die fehlende Regel dahinter.

Ein großes Portfolio ist kein Problem, solange es eine Logik hat. Hier fehlte sie. Fünf Fragen ließen sich nicht beantworten, ohne jedes Mal neu zu recherchieren:

  • Welche Varianten werden tatsächlich regelmäßig verkauft?
  • Welche Optionen tragen relevant zu Umsatz oder Marge bei?
  • Welche Unterschiede sind technisch notwendig — und welche historisch?
  • Welche Variante existiert nur wegen eines einzelnen Kundenwunsches von damals?
  • Welche Bauteile ließen sich durch ein universelles Modul ersetzen?

Solange diese fünf Fragen offen sind, lässt sich ein Portfolio nicht steuern. Das Unternehmen bearbeitete den Markt nicht mit Produktlinien, sondern reagierte auf jede Anfrage einzeln. Kleine Änderungen hatten unverhältnismäßig große Wirkung, weil niemand vorher sagen konnte, wo sie noch ankommt.

Die Folgen liefen durch die ganze Kette: Angebote brauchten Tage. Die Konstruktion war dauerhaft mit Sonderlösungen belegt. Gleichteile wurden nicht genutzt, Einkauf und Fertigung mussten Bauteile beherrschen, die dreimal im Jahr vorkamen. Lieferzeiten stiegen. Und Engineering-Kapazität floss in Produkte mit geringer Ertragskraft — also genau dorthin, wo sie am wenigsten zurückkommt.

03 · Das Bild

Kopieren und Konfigurieren sehen von außen gleich aus.

Für den Kunden ist der Unterschied unsichtbar — er bekommt in beiden Fällen sein Produkt. Der Unterschied liegt darin, woraus es entsteht.

STAND HEUTE · KOPIERT ZIELBILD · KONFIGURIERT 20 von rund 300 Varianten. Jede eine eigene Zeichnung, eine eigene Stückliste, ein eigener Preis. Die Linien sind die IF-Bedingungen. Vollständig überblickt haben sie zwei Leute. ORDNEN Größe 1Größe 2Größe 3 Antrieb ABCD Anschluss XAnschluss Y 12345 BAUGRÖSSE ANTRIEB ANSCHLUSS OPTION Dieselbe Auswahl für den Kunden. Nur entsteht sie jetzt aus Bausteinen statt aus Kopien. 3 · 4 · 2 · 5 = 120 Kombinationen aus 14 Bausteinen, mit Regeln statt IF-Ketten. Anzahl und Aufteilung im Bild sind ein Rechenbeispiel, kein Messwert aus dem Mandat. Gemessen sind die zwei Zahlen in Abschnitt 06: Angebotsdauer und Lieferzeit. Weniger Bausteine heißt nicht weniger Auswahl. STAND HEUTE · KOPIERT 12 von rund 300 Varianten. Jede eine eigene Zeichnung. Die Linien sind die IF-Bedingungen. ORDNEN ZIELBILD · KONFIGURIERT Gr. 1Gr. 2Gr. 3 ABCD Anschl. XAnschl. Y 12345 3 · 4 · 2 · 5 = 120 Kombinationen aus 14 Bausteinen. Zahlen im Bild sind ein Rechenbeispiel. Gemessen sind die zwei Werte in Abschnitt 06.
Insight 11 · Bild 1 Aufteilung als Rechenbeispiel

Der Punkt des Bildes ist nicht die Zahl. Es ist die Richtung der Pfeile: Links wächst die Komplexität mit jeder Anfrage, rechts wächst sie nur, wenn ein Baustein dazukommt.

04 · Die Analyse

Technisch allein reicht nicht. Es muss auch gerechnet werden.

Der erste Schritt war keine Konstruktionsübung, sondern eine Bestandsaufnahme über beide Seiten: was technisch zusammengehört und was wirtschaftlich trägt. Wer nur technisch aufräumt, streicht am Ende Varianten, die Geld verdienen, und behält welche, die nur elegant sind.

Pos
Was angesehen wird
Quelle
Wonach gesucht wird
Ergebnis
01
Umsatz und Marge je Produktlinie
ERP, mehrere Jahre
Welcher Teil des Portfolios erzeugt den überwiegenden Teil des Ergebnisses. Wichtig ist die Marge, nicht der Umsatz — eine große Linie kann die teuerste sein.
Rangfolge
02
Verkaufshäufigkeit je Variante und Option
Auftragshistorie
Trennt High Runner von Einzelfällen. Optionen, die in mehreren Jahren zweimal verkauft wurden, sind Kandidaten — nicht automatisch Streichfälle.
Trennlinie
03
Technische Gemeinsamkeiten und Gleichteile
Stücklisten, Zeichnungen
Wo unterscheiden sich Varianten wirklich, wo nur in der Nummer. Zeigt, welche Bauteile sich zu einem universellen Modul zusammenfassen lassen.
Modulkandidaten
04
Abhängigkeiten im Konfigurator
Regelwerk, IF-Ketten
Welche Bedingung sichert eine technische Notwendigkeit ab und welche hält nur einen Sonderfall von 2019 am Leben. Die zweite Gruppe ist meist die größere.
Streichliste
05
Wirkung je Variante auf die Kette
Konstruktion, Einkauf, Fertigung
Was kostet eine selten verkaufte Variante an Aufwand, den keine Kalkulation ihr zurechnet: eigene Zeichnung, eigenes Bauteil, eigener Lieferant, eigene Prüfung.
Wahre Kosten
Erst diese fünf zusammen zeigen den Unterschied zwischen Varianten, die Geld verdienen, und Varianten, die nur Komplexität erzeugen. Einzeln sieht jede Zahl nach einem Argument fürs Behalten aus.
05 · Die neue Struktur

Aus einer Sammlung wurde wieder ein System.

Auf dieser Grundlage wurde das Portfolio neu geordnet. Sieben Schritte, in dieser Reihenfolge — die letzten beiden funktionieren nur, wenn die ersten fünf stehen:

Was reduziert wurde

Weniger Teile

  • Selten verwendete Optionen wurden entfernt oder zusammengelegt
  • Ähnliche Bauteile wurden durch universell einsetzbare Module ersetzt
  • Unnötige IF-Abhängigkeiten wurden gestrichen, statt sie zu dokumentieren
Was definiert wurde

Klare Regeln

  • Produktlinien wurden gegeneinander abgegrenzt
  • Schnittstellen zwischen den Modulen wurden festgelegt
  • Zulässige Kombinationen wurden als nachvollziehbare Regel beschrieben, nicht als Kette von Ausnahmen
  • Konfigurator, Zeichnungen und Abläufe wurden auf die neue Struktur gezogen
Die Reihenfolge ist nicht beliebig. Wer zuerst den Konfigurator anfasst, bildet die alte Unordnung sauberer ab. Wer zuerst die Schnittstellen definiert, ohne zu wissen, welche Optionen tragen, definiert sie um Ausnahmen herum.
06 · Ergebnis

Zwei Zahlen, die aus dem Mandat stammen.

Beide Werte sind im Mandat dokumentiert. Sie gehören zu diesem Haus, dieser Produktstruktur und diesem Ausgangszustand — ein Normalwert ist keiner von beiden.

Tage → Minuten Dauer der Angebotskonfiguration. Vorher musste bei jeder Anfrage geprüft werden, welche Kombination technisch zulässig ist; das lief über Konstruktion und Kalkulation und dauerte mehrere Tage. Nach der Umstellung entsteht die Konfiguration aus der Regel und dauert wenige Minuten.
24 → 8 Wochen Lieferzeit. Der Gewinn kommt nicht aus der Fertigung, sondern davor: Es entstehen keine Einzelteile mehr, die erst beschafft werden müssen. Durch die Bündelung auf weniger, häufiger verwendete Bauteile stiegen die Stückzahlen je Komponente — das senkt Aufwand in Engineering und Fertigung und verbessert zugleich die Einkaufsposition.

Die dritte Wirkung steht in keiner Zahl: Engineering-Kapazität, die vorher in Sonderlösungen mit schwacher Ertragskraft floss, war wieder frei. Das ist derselbe Mechanismus wie in Insight 08, nur von der anderen Seite betrachtet.

07 · Häufige Fragen

Was aus der Praxis regelmäßig gefragt wird.

Bedeutet Standardisierung, dass der Kunde weniger Auswahl hat?

Nein. Die Auswahl bleibt, sie entsteht nur anders. Vorher wurde jede Kundenanforderung durch eine eigene Variante beantwortet, die im System als eigenständiges Produkt geführt wurde. Nachher entsteht dieselbe Auswahl aus Bausteinen, die kombiniert werden dürfen. Der Kunde merkt davon nichts außer der kürzeren Angebots- und Lieferzeit. Standardisierung heißt nicht, weniger anzubieten, sondern die gewünschte Auswahl aus beherrschbaren Bausteinen bereitzustellen.

Woran erkennt man, dass ein Portfolio nicht mehr steuerbar ist?

An fünf Fragen, die sich nicht ohne neue Recherche beantworten lassen: Welche Varianten werden regelmäßig verkauft, welche Optionen tragen zur Marge bei, welche Unterschiede sind technisch notwendig, welche Variante existiert nur wegen eines alten Kundenwunsches, und welche Bauteile ließen sich durch ein Modul ersetzen. Wer bei mehr als zwei dieser Fragen erst nachsehen muss, steuert das Portfolio nicht mehr, sondern verwaltet es.

Muss man dafür Varianten streichen?

Weniger, als man denkt. Der größere Hebel liegt bei den Bauteilen, nicht bei den verkauften Varianten: ähnliche Teile durch ein universelles Modul ersetzen, unnötige Abhängigkeiten entfernen, Schnittstellen festlegen. Gestrichen werden vor allem Optionen, die in mehreren Jahren wenige Male verkauft wurden und keinen technischen Grund haben. Wer stattdessen quer durch das Portfolio kürzt, trifft mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Varianten, die Geld verdienen.

Warum reicht eine rein technische Analyse nicht?

Weil technische Ähnlichkeit nichts darüber sagt, ob eine Variante wirtschaftlich trägt. Zwei fast gleiche Produkte können sehr unterschiedliche Margen haben, und die aufwendigste Sonderlösung ist manchmal die profitabelste. Umgekehrt sieht eine gut konstruierte Variante, die dreimal im Jahr verkauft wird, technisch völlig unauffällig aus und kostet trotzdem eine eigene Zeichnung, ein eigenes Bauteil und einen eigenen Lieferanten. Erst Technik und Zahlen zusammen ergeben eine Entscheidungsgrundlage.

Wie lange dauert eine solche Neuordnung?

Das hängt an der Zahl der Produktlinien und am Zustand der Daten, nicht an der Zahl der Varianten. Die Bestandsaufnahme ist der planbare Teil; danach entscheidet, wie sauber Stücklisten und Auftragshistorie gepflegt sind. Was sich pauschal sagen lässt: Die Analyse ist der kurze Teil, das Nachziehen von Konfigurator, Zeichnungen und Abläufen der lange. Wer die Reihenfolge umdreht und mit dem Konfigurator anfängt, bildet die alte Unordnung nur sauberer ab.

08 · Grundlage

Woher dieser Fall stammt.

  • [1] Mandat im Maschinenbau, mittelständisch, anonymisiert. Ausgangslage, Vorgehen und Ergebnis stammen aus einem durchgeführten Auftrag. Dokumentiert sind die beiden Ergebniszahlen in Abschnitt 06: Angebotskonfiguration von mehreren Tagen auf wenige Minuten, Lieferzeit von 24 auf 8 Wochen. Kunde, Produkt und Branche werden nicht genannt.
  • [2] Die Zahlen im Bild sind ein Rechenbeispiel. 20 Kästen, 14 Bausteine, 120 Kombinationen — das illustriert den Mechanismus und ist ausdrücklich kein Messwert aus dem Mandat. Die Angabe „rund 300 Varianten“ ist eine Größenordnung, keine gezählte Zahl.
  • [3] Eigene Praxis aus Produktverantwortung im Maschinen- und Pumpenbau. Die Reihenfolge der sieben Schritte in Abschnitt 05 und die fünf Analysedimensionen in Abschnitt 04 sind Erfahrungswissen, keine Norm und kein Standardverfahren.
Der praktische Anschluss

Wissen Sie, welche Ihrer Varianten Geld verdienen?

Die Frage klingt einfach und ist in den meisten Häusern nicht ohne Recherche zu beantworten. 30 Minuten, keine Präsentation: Wir gehen die fünf Analysedimensionen an Ihrem Portfolio durch.

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Gegenstand
Variantenwildwuchs, Modularisierung, Konfigurationsregeln, Portfoliosteuerung
Grundlage
Mandat, anonymisiert · Ergebnisse dokumentiert
Insight 11 von 13